Septemberkonzert in Kreuzberg
An einem Mittwoch im September wollte ich auf einem Konzert im Festsaal Kreuzberg, da ich meinen Lebensraum als ziemlich erlebnislos empfand und eine Fremdverortung mir sicher gut tun sollte.
Für den Festsaal war das zehnjährige Bestehen des Labels gagarin records mit Konzerten von Pete Um, Ergo Phizmiz und echokrank angekündigt. Titel, Thesen, Temperamente also, die sich weitab von vertrauter und legitimer Kultur – und dennoch von Bildungseifer motiviert – manifestieren.
Einlass sollte laut Information auf der Eintrittskarte 20 Uhr sein.
Ich komme gegen 21 Uhr dort hin, weil ich mir schon dachte, dass es sicher erst später losgeht.
Keine Menschenschlange, kein lästiges Warten, aber:
„Ist schon wer drin?“ frage ich die zwei Kartenverkäufer.
„Nee, bist die erste,“ antworten die und drücken mir nachdem ich ihnen mein Ticket vorzeige einen frisch angefeuchteten Stempel in die Handinnenfläche.
„Na, dann komm ich später einfach wieder,“ sage ich.
Ich kann ja noch was in Kreuzberg rumbummeln, gehe an der Moschee vorbei zum Imbiss und kauf mir was zu trinken. Dann durch den Fixertreffpunkt durch in den Kaisers, der bis 22 Uhr offen hat und kaufe einen Liter Milch und Müsli für morgen früh. Zurück auf der Straße ein Junkie offenbar in einer Unterhaltung mit seinem Dealer. „Auf Dich ist kein Verlass,“ sagt der eine etwas künstlich. „Auf Dich auch nicht!“ sagt der andere.
Ich bummel zurück zum Festsaal, schaue die beiden an der Kasse so an, als hätten die mich seit dem letzten Mal (vor 40 Minuten) vergessen[1] und zeige denen meine Stempel.
„Wann fängt das denn jetz’ an?“ frage ich.
„Gegen 23 Uhr. Wir fangen hier erst an, wenn alle Supermärkte zu haben. Wie kann eine Band auf der Bühne stehen, die weiß, dass nebenan noch Strichcodes gescannt werden? Ein rot angeleuchtetes ‚Piep’: Das hat nichts mit Konzertlaune zu tun.“
Ich weiß nicht, ob ich die Diskussion beenden will oder nicht, jedenfalls schieße ich hinterher, dass ich vor Konzerten im Festsaal Kreuzberg immer noch im Kaisers um die Ecke einkaufe und ich nicht wissen will, wie viele Verkäuferinnen, die den ganzen Tag an der Kasse sitzen, sich nicht danach sehnen, auch mal einem Punk(wenn auch im Jahre 2008)konzert beizuwohnen.
„Dürfen wir noch in Deine Tasche schauen?“
„Klar!“
„Also, hier ist ein Liter Milch drin. Also, Getränke dürfen nicht mit reingenommen werden. Und das Knabberzeug hier (er zeigte auf die Müslitüte) eigentlich auch nicht!“
„Das ist Müsli!“
Milch und Müsli bleiben an der Kasse.
Drinnen gähnende Konzertlaune. Acht oder sieben Leute sind vielleicht schon in dem großen Saal, verteilt auf Holzbänken. Dort werde ich nun auch nächsten zwei Stunden sitzen und warten. Leider muss ich bei so was immer an so eine blöde Studie (oder war es nur ein kleines dummes Radiofeature?) denken, die besagte, dass jeder Mensch die Hälfte seiner Lebenszeit mit Warten verbringt. Ich kaufe ein Bier und trinke es so langsam, wie ich noch nie etwas getrunken habe. (Vielleicht wie Speichel, den man alle 30 Minuten mal runterschluckt.) Ich beschäftigte mich die nächsten zwei Stunden damit, fürs langsame trinken eine Technik zu entwickeln. Eigentlich hat das primär mit der Haltung der Bierflasche in der Hand und dem Winkel des Flachenhalses zu den Lippen zu tun, finde ich heraus.
Nach 160 Minuten beginnt die Show. (…) Alle drei Acts sind irgendwie „besonders“, wollen so auch rüberkommen und stilisieren sich in einer Weise, die sich von ihrer jeweiligen Individualität abkehrt. Die Äußerlichkeiten: Ergo Phizmiz trägt sei knallrotes T-Shirt, Pete Um seinen Sarkasmus, der einem fast leid tut, und der Schlagzeuger von echokrank seine Perücke. Accessoires und Stimmungen stilisieren die Musiker wie eine rote Rose einen Raum/eine Situation formt.[2]
Die Songs von Pete Um sind Miniaturen, die sich aus dichten Überlagerungen seiner Stimme zusammensetzen. Leider konnte er nicht mehrere Stimmen gleichzeitig live singen, deshalb kamen all seine Stimmen vom Band; bis auf die Melodiestimme. Er wirkte etwas kauzig mit den langen Haaren und schien auch eher abgetörnt vom Publikum zu sein. Vielleicht dachte er, dass das Publikum von ihm abgetörnt ist, aber da irrte er sich. Ergo Phizmiz dagegen war richtig zugänglich und bemüht, seine Lieder über Elefanten und Dampfschifffahrten an den Mann zu bringen. Die zirkusmusikähnlichen Einspielungen (aus dem OFF) keilten sich dabei so in die Songs ein, wodurch starke Brüche entstanden, die den vom Zuhörer erwünschten „live“-Charakter etwas aus der Bahn brachten. Dafür wartete er mit einem kuriosen Instrumentarium auf, das er gleichzeitig zu spielen beherrscht.
Nachdem Ergo Phizmiz und Pete Um versuchten, den Zuhörer in wunderliche Welten zu schleppen, kamen Echokrank zurück in bekanntere Gefilde, die ein kleines Toben im Saal ermöglichten, wenn auch nur punktuell.
Ich holte mir am Eingang Milch und Müsli ab und fahre müde heim.
[1] „blasiert großstädtisch“ im Sinne Simmels, der feststellte, „dass die Begegnungen zwischen Großstädtern ziemlich unpersönlich und deren Kommunikation stark zweckbezogen blieben. Anders als im Dorf, wo jeder jeden kannte, begegneten sich die Großstädter jeweils nur in begrenzten Rollen. Die verschiedenen Verkehrskreise einzelner Personen überlagerten sich nicht, das heißt dem Händler begegnete man als Kunde, den anderen Arbeitern als Kollege oder seinen Sportsfreunden nur als Sportfreund. Funktionale Rollen strukturierten die soziale Beziehungen. (Häussermann und Siebel 2004:35)
[2] „Eine stilisierte Rose soll, im Unterschied gegen die individuelle Wirklichkeit der einzelnen Rose, das Allgemeine aller Rosen, den Typus Rose darbieten.“ (Simmel 1993:374ff.)
About this entry
You’re currently reading “Septemberkonzert in Kreuzberg,” an entry on Weblog für Musik und musikethnologische Perspektiven in Berlin
- Published:
- September 30, 2008 / 9:42
- Tags:
- Echokrank, Ergo Phiz Miz, Festsaal, gagarin records, Kaisers, Kreuzberg, Pete Um, Simmel

No comments yet
Jump to comment form | comments rss [?] | trackback uri [?]